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Schon mal auf einer Banane geritten?

Schon mal auf einer Banane geritten?

geschrieben von Silke Gillhaus am 20.07.2008

Diese Frage würde man nicht nur sofort verneinen, man würde sich sogar heimlich über den Fragesteller und diese Art der Frage wundern.
Aber nach dem Seminar "Pferdeanatomie für den Reiter" bei Corinna Lehmann ist kaum noch etwas, wie es vorher war, schon gar nicht die eigene Einstellung zum Reiten.
Auf Corinna Lehmanns traumhaften Hof in Langenberg traf sich eine Gruppe interessierter (arabischer) Pferdeliebhaber, wie sie unterschiedlicher in sich wohl nicht hätte sein können.
Männer und Frauen, Erwachse sowie Jugendliche, zudem ein Tierarzt und vor allem aus jeder Reitsparte, vom Springreiter über den Dressurreiter bis hin zum Westernreiter. Diese heterogene Gruppe stellte für Corinna Lehmann jedoch zu keiner Zeit ein Problem dar, gekonnt ging sie auf alle Reitweisen an den passenden Stellen ein und verstand es, die Gruppe hinsichtlich des Erkenntnisgewinns zu einen.
Vier große Bereiche umfasste ihr mit zahlreichen Folien bildhaft unterstützte Vortrag: Die Hinterhand, den Rücken, die Vorhand (samt der Schulterpartie) und den Bereich des Kopfes und Halses. So erfuhren die aufmerksamen Zuhörer von dem Sprungfederprinzip der Hinterhand, welches die von den Reitern so geschätzte Versammlung erst ermögliche. Hätte man vorab evtl. noch angenommen, dass Versammlung nur durch Versammlung zu erreichen sei, belehrte Corinna Lehmann die Teilnehmer eines besseren, denn die für das Sprungfederprinzip beanspruchte Muskulatur sei nur durch vermehrtes Untertreten des Pferdes gezielt aufzubauen. Überhaupt erwies sich das Vorwärtsreiten als geeignete Trainingsmethode. Hat das Pferd nämlich aufgrund seiner Anatomie der Rückenmuskulatur schwer an dem Gewicht des Reiters (und im negativen Fall noch an einem schlecht sitzenden Sattel) zu tragen, helfen raumgreifende Gänge mit einer aktiven Hinterhand, den Rücken in die Bewegung mitzunehmen, so dass das Pferd im Rücken schwingt und losgelassen gehen kann. Dies sei auch die eigentliche Funktion dieses Bewegungsmuskels des Rückens, der fälschlicherweise zu oft zu einem Tragmuskel degradiert würde.
Umso wichtiger sei die korrekte Haltung des Pferdes (die Anlehnung an das Gebiss mit einem Kopf, der vor der Senkrechten steht) beim Reiten, die das Rücken-Nacken-Band aktiviere, so dass die Rückenmuskulatur auch tatsächlich frei für Bewegung sei; laut Corinna Lehmann eine Art Imitation der Fresshaltung grasender Pferde. Auch die Vorhand, die im Grunde eher ein Stützbein als ein Laufbein sei, werde durch energisches Abfußen beim Laufen trainiert, da es von einem "Sehnenspannband" umgeben sei. An dieser Stelle kam dann die Banane ins Spiel, denn jedes Pferd habe nämlich mit einer angeborenen natürlichen Schiefe zu kämpfen.
Jetzt wurde klar, warum die Vorhand auf die Hinterhand eingespurt werden muss, denn anatomisch ist der umgekehrte Weg schlichtweg nicht möglich.
Bei Corinna Lehmann heißt es dann: "Willst du an die Schiefe denken, versuche es doch mit richtig lenken!", ein Ausspruch, der so schnell nicht wieder vergessen wird.
Das (korrekte) Reiten von Seitengängen biete dafür die beste Übung. Zum Bereich des Kopfes und des Halses gab Corinna Lehmann einen entscheidenden Tipp, der sich verkürzt so zusammen fassen lässt: nicht anfassen! Viele der Inhalte wurden an (z. T. wunderbar selbstgebastelten) Modellen veranschaulicht und stellenweise fanden sich die Teilnehmer als "Versuchspferde" mit allen Vieren auf dem Fußboden wieder - aber all das half ungemein, die Punkte, die Corinna Lehmann wichtig waren, auch wirklich nachzuvollziehen und zu verstehen. Der allerletzte Groschen fiel wohl, als der Theorie abschließend eine praktische Darstellung der Seminarleiterin auf ihrem nicht nur wunderschönen, sondern dazu bewundernswert ausgebildeten Araberhengst Maamoon ibn Gazala (Hamasa Arslan x Gazala) folgte.
Hier ließ sich die Gruppe dann sogar zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen.
Eine rundherum gelungene Veranstaltung, die - so die einstimmige Meinung aller Teilnehmer - einfach eine Fortsetzung finden muss!
Und ob ich nun auf einer Banane reite? Ja, und zwar auf einer Rechtsbanane!